Eine Klientin verhandelt strategisch klug, kennt ihre Zahlen, hat eine stimmige Preisstrategie – und erhöht ihre Honorare trotzdem nicht. Ein anderer Klient weiß genau, dass eine Investition wirtschaftlich sinnvoll wäre, zögert sie aber seit Monaten hinaus. Wer in der Coaching-Praxis mit Geldthemen arbeitet, kennt diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln nur zu gut. Sie lässt sich selten mit noch mehr Fachinput auflösen, denn das Problem liegt nicht im fehlenden Verständnis.
Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit: nicht bei der Frage, was jemand über Geld weiß, sondern bei der Frage, in welcher Beziehung jemand zu Geld steht. Diese Beziehung ist selten neutral. Sie ist geprägt von Erfahrungen, Rollenbildern und unbewussten Überzeugungen, die lange vor der ersten Preisverhandlung entstanden sind – und die im entscheidenden Moment oft mehr Gewicht haben als jede rationale Strategie. Für Coaches, die Unternehmerinnen und Unternehmer wirklich weiterbringen wollen, lohnt sich deshalb ein Blick hinter die Zahlen: Was passiert innerlich, wenn eine Klientin trotz besseren Wissens an derselben Stelle blockiert? Und welche Ansätze helfen dabei, diese Blockade nicht nur zu verstehen, sondern nachhaltig aufzulösen?
Warum Strategie allein oft nicht wirkt
Klassische Finanzberatung setzt bei Zahlen an: Kalkulation, Cashflow, Investitionsplan. Das ist notwendig, reicht aber häufig nicht aus, wenn eine Klientin trotz klarer Strategie an derselben Stelle blockiert. Der Grund liegt selten im fehlenden Wissen. Er liegt in einer inneren Reaktion, die schneller ist als jede Kalkulation: ein Gefühl von Unsicherheit, das im Moment der Preisverhandlung übernimmt, obwohl der Kopf längst weiß, was fachlich richtig wäre. Für die Coaching-Praxis bedeutet das: Finanzielle Themen sind selten rein finanziell.
Wo Geldmuster wirklich beginnen
Der Umgang mit Geld wird lange vor dem ersten eigenen Einkommen geprägt – durch Beobachtung, nicht durch Erklärung. Wie wurde in der Familie über Geld gesprochen oder geschwiegen? War Leistung an Anerkennung gekoppelt? Wurde Wohlstand offen gezeigt oder eher verborgen? Diese frühen Szenen hinterlassen keine bewussten Überzeugungen, sondern automatische Reaktionen, die sich später als Zögern, Rechtfertigung oder überraschende Selbst-Sabotage im Geschäftsalltag zeigen. Für Coaches ist das ein zentraler Ansatzpunkt: Wer eine Klientin fragt, welche Sätze über Geld in ihrer Kindheit immer wieder fielen, öffnet oft schneller Zugang zu einem blockierenden Muster als jede weitere Analyse der Zahlen.
Der Körper entscheidet mit
Geldentscheidungen werden nicht nur im Kopf getroffen, sondern im Nervensystem. Eine Preiserhöhung, eine Investition oder das Streichen eines unprofitablen Angebots löst körperliche Reaktionen aus, lange bevor eine rationale Abwägung überhaupt beginnt. Fühlt sich das System sicher, wird eine mutige Entscheidung möglich. Befindet es sich im Alarmmodus, gewinnt fast immer die vorsichtigste Option. Deshalb setzt gute Begleitung nicht nur bei der Klärung von Überzeugungen an, sondern auch bei der Fähigkeit, den eigenen Körper in stressigen Geldsituationen bewusst zu beruhigen – etwa durch Bewegung, die angespannte Zustände löst und dem Nervensystem neue, stabilere Reaktionsmuster ermöglicht.
Archetypen als Landkarte für innere Muster
Ich nutze in meiner Arbeit die Geld-Archetypen, um diese oft schwer greifbaren inneren Vorgänge sichtbar und besprechbar zu machen. Grundlage ist die Archetypenlehre von C. G. Jung, der wiederkehrende unbewusste Muster im Menschen beschrieben hat. In der Arbeit mit Frauen zeigt sich: Mehrere Anteile wirken gleichzeitig – etwa der Star, der Sichtbarkeit sucht, die Organisatorin, die auf Struktur und Sicherheit achtet, oder die Heilerin, die eigene Bedürfnisse leicht zurückstellt. Keiner dieser Anteile ist falsch. Problematisch wird es erst, wenn ein einzelner Archetyp unbewusst das Ruder übernimmt, etwa immer dann, wenn es um den eigenen Preis geht.
Für die Coaching-Arbeit liegt darin ein praktischer Wert: Wer die eigenen drei Haupt-Geld-Archetypen kennt – mit deren Stärken und Herausforderungen –, erkennt, welcher Anteil in einer konkreten Situation handelt und was dieser Anteil eigentlich schützen will. Genau an dieser Stelle setzt das Money-Reading an: Es macht den persönlichen „Geldvertrag“ sichtbar sowie die Gaben und Herausforderungen der individuellen Archetypen – und schafft so die Grundlage für ein bewusstes inneres Team, das Geldentscheidungen nicht mehr dem Zufall überlässt.
Die eigentliche Schlüsselfrage: Selbst-Erlaubnis
Am Ende steht selten eine neue Technik, sondern eine innere Entscheidung: die Selbst-Erlaubnis, Geld zu verdienen, zu behalten und zu vermehren. Ohne diese Erlaubnis bleibt jede Strategie theoretisch. Mit ihr verändert sich der Umgang mit Preisen, Verhandlungen und Investitionen oft spürbar schneller, als reine Fachberatung es leisten könnte. Für Coaches, die mit Unternehmerinnen arbeiten, liegt genau hier ein Hebel, der häufig unterschätzt wird: Finanzielle Freiheit beginnt nicht bei der nächsten Zahl, sondern bei der Beziehung, die eine Klientin zu Geld hat. Coaches brauchen eine unerschrockenen Herngehensweise selbst Tabu-Themen anzusprechen. Geld gehört zu diesen Tabu-Themen- Es löst Gefühle aus, die wahrgenommen, besprochen und angegangen werden müssen.
Über die Autorin
Iris Yasmine Harms ist Money Coach und begleitet Unternehmerinnen dabei, ein stabiles und erfüllendes Verhältnis zu Geld zu entwickeln. Ihr Fokus liegt auf finanzieller Bildung, Geldbewusstsein, klarer Preisgestaltung, Rentabilität und nachhaltigen Vermögensaufbau. In ihrer Arbeit verbindet sie wirtschaftliche Klarheit mit innerer Stabilität, damit Frauen ihren beruflichen Erfolg auch finanziell selbstverständlich leben können. Dabei betont sie die emotionale Ebene, denn wenn Frauen Scham, Schuld und Ängste erkennen und überwinden, verändert sich ihre Haltung zum Geld von selbst.